Julia Schiller, Bottled Grapes, Zornheim, Zornheimer Berg, Winzerin, Wein, Rheinhessen

Zu Besuch bei Jungwinzerin Julia Schittler in Zornheim

Vor allem in Rheinhessen machen sie seit einiger Zeit von sich reden: Die jungen Winzerinnen, die die Weingüter ihrer Eltern übernehmen und umkrempeln. Damit es eine Zukunft gibt. Es sind märchenhafte Stories, oft auf Hochglanz poliert. Weil sich das so besser vermarkten lässt. Dabei stehen die authentischen Geschichten, gespickt mit Diskussionen, Sorgen, Ängsten, einer Menge Schweiß und Stress und der unabdingbaren hingebungsvollen Liebe zum Wein, diesen aufgerüschten Nachwuchsgeschichten in nichts nach. Bestes Beispiel ist da die Jungwinzerin Julia Schittler aus Zornheim.

Julia Schiller, Bottled Grapes, Zornheim, Zornheimer Berg, Winzerin, Wein, Rheinhessen

Im Gespräch mit Julia Schittler. ©Bottled Grapes

Drei Tage. Solange haben Julia Schittler und ihr Vater nicht miteinander geredet. Die Meinungsverschiedenheit saß tief und sorgte im Jahr 2015 für viel Wirbel. Es ging um ein Holzfass. Und zwar das erste Holzfass, um darin eben nicht Rot-, sondern Weißwein auszubauen. Das gab es bis dahin bei Schittler und Becker noch nicht. Warum denn auch? Weißweine gehören in den Stahltank. Das war schon immer so. Aber dann kam Julia Schittler nach Hause. Und 2015 wurde alles anders. Gut, nicht alles. Aber vieles.

Zunächst übernahm Julia die elterlichen Weingüter. Ja. Plural. Das Weingut Becker in Zornheim, das ihre Mutter einst von den Eltern übernahm. Sowie das Weingut Schittler in Weinolsheim, das dem Vater gehörte. Die Eltern führten beide Betriebe parallel. Gar nicht so unüblich, wenn Winzerkinder heiraten. Auch sonst wurde nicht viel verändert. Man führte eben das fort, was schon immer so auf den Höfen gemacht wurde: solide Arbeit. Nicht alles für die Flasche, sondern auch was für die Genossenschaft.

Aus 2 mach 1

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Versunken im Gespräch: Julia Schittler. ©Bottled Grapes

So war das. Bis 2015. Als Julia Schittler frisch aus der Ausbildung und nach ein paar Weltenbummlerrucksacktouren nach Hause kam, sah sie es nicht ein, eine bürokratische Doppelbelastung zu führen. Kurzerhand legte sie die beiden Weingüter zusammen. Während sich jetzt der Weinkeller in Weinolsheim befindet, ist das Weingut Becker in Zornheim der Hauptsitz des Betriebs. Hier wird verkauft, hier finden Veranstaltungen und jede Menge Weinevents statt. So ungefähr zehn pro Jahr.

Mit dieser Aufteilung hat Julia Schittler einen formidablen Spagat zwischen Tradition und Innovation geschafft. Denn in Zornheim wurde auf dem mütterlichen Weingut seit jeher eher auf die Gästebewirtung wert gelegt. Mit sanfter Hand führte Julia Änderungen ein. Nämlich zum Beispiel, dass die Straußwirtschaft von Frühling bis Herbst eben nicht jeden Tag geöffnet hat.

Mehr Qualität statt Quantität

Manch eine Neuerung führte allerdings auch zu einem heftigen Krach. Womit wir wieder bei dem Holzfass wären. Für ihren Sylvaner wollte Julia Schittler es haben. Ihr Vater verstand die Welt nicht mehr. Funkstille. Aber Julia setzte sich durch. Sie bekam ihr Holzfass. Und die Arbeit im Keller begann. Trotz aller väterlichen Skepsis und dem zweifelnden Gegenwind, der ihr entgegenschlug, richtete Julia Schittler das nun vereinigte Weingut neu aus.

Mehr Lage! Mehr Handarbeit! Und eben auch mal der Holzeinsatz bei Weißwein. Während die Genossenschaft inzwischen immer weniger Wein von den insgesamt 40 Hektar bekommt, konnte die Flaschenproduktion in den vergangenen Jahren von 100.000 auf 300.000 gesteigert werden. Eine beachtliche Leistung! Wobei aber nicht die Quantität, sondern die Qualität bei Julia Schittler ganz klar im Vordergrund steht. Neben den elterlichen Weinen, die in der Tradition verankert sind, kreiert Julia Schittler inzwischen auch ihre eigene Linie, die sich in drei Kategorien einteilen lässt: Fundament, Charakter und Attribut.

Eine kleine Sylvaner-Vertikale

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Ein herrlicher Tag für Sylvaner! ©Bottled Grapes

Fundament. Die Basisweine. Beim VDP würde man Gutsweine sagen. Solide, ehrlich, bodenständig. Charakter. Das Äquivalent zu den Ortsweinen. Das sind die rebsortentypischen Weine, die den Charakter des Zornheimer Bergs widerspiegeln. Sie haben mehr Kanten, mehr Mineralität, sind eleganter. Und dann natürlich noch die Qualitätsspitze. Die Lagenweine, hier Attribut genannt. Sie stammen aus den besten Einzellagen des Zornheimer Bergs. Sie werden mit Zeit und Liebe und ganz viel Handwerk gemacht, sind streng limitiert. Ihre Ecken und Kanten, ihre Komplexität fallen auf. Die Attribute sind alles andere als beliebig. Hier zeigt Julia Schittler, was sie wirklich kann.

Und dafür braucht sie eben auch Holzfässer. Der erste Weißwein, der in selbiges kam, war 2015 ihr Sylvaner. Als wir an einem sonnigen Mainachmittag auf der Grünfläche des Weinguts bequem in den Sommerstühlen sitzen, holt Julia Schittler eben jenen Sylvaner, mit dem alles angefangen hat. Ihre kupferroten langen Haare wehen im Wind, während die zierliche junge Frau nicht mit einer, sondern mit gleich drei Flaschen zurückkommt. „Ich habe heute morgen Paletten gepackt. Jetzt freue ich mich auf den Wein. Und ich dachte, vielleicht möchtet ihr ja mal ein paar Jahrgänge nebeneinander probieren?“ Wollen wir! Dann also Sylvaner. 2015, 2016 und 2017. Spannend!

Ein Wein mit Diskussionsbedarf

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Ein Wein – drei Jahrgänge. ©Bottled Grapes

Beim 2015er mag ich kaum glauben, dass es der erste Weißwein ist, der von Julia Schittler im Holz ausgebaut wurde. Soviel Harmonie und geschickt integrierte Säure! Nicht zu cremig, nicht zu sperrig, nicht zu beliebig, aber auch nicht zu eigen. Hier und da fehlt mir ein wenig die Präzision, der Abgang ist lang aber irgendwie auch ein wenig diffus. Aber ein schöner Wein! Dann der 2016er. Mein Gott! Welche Entwicklung. Hier ist alles klar und präzise. Der Wein erzählt seine Geschichte. Von einer Julia, die mutiger geworden ist, die ihre Linie gefunden hat, die hier ihren Fingerabdruck präzise verewigt. Süße Pflaume, ganz dezent, frische Säure, ein Hauch von Kräutern und schmelzende Mineralik. Wundervoll!

Und dann der 2017er, der bei meinem Mann und mir in den nächsten Tagen für Diskussionen sorgen wird. Ja, die Pflaume ist zu präsent. Dadurch ist der Wein ein wenig zu fruchtig, wirkt beliebiger. Aber: bleibt das so? Oder entwickelt der sich noch? Wir sind uneins. Die Zeit wird es zeigen. Denn neben einer Kiste mit dem Sylvaner 2016 haben wir letztlich auch noch eine Probeflasche vom 2017er bei Julia gekauft. In einem Jahr bilden wir uns dann eine finale Meinung. 😉

Julia Schittler und der Zornheimer Berg

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Wilder Rucola – ein faszinierender Geruch. ©Bottled Grapes

Aber zurück nach Zornheim und zu Julia Schittler. Und vor allem: zurück zum Zornheimer Berg. Hier, zwischen den Reben, kann man Julias Leidenschaft hautnah zu spüren bekommen. Liebevoll erklärt die junge Winzerin ihre unterschiedlichen Lagen, lässt mich am wilden Rucola riechen, der in einem Wingert wächst. Zwei- bis dreimal die Woche ist Julia Schittler selbst in ihren Weingärten. Am liebsten wäre sie täglich vor Ort. Aber die Arbeit lässt das oft nicht zu. Ein festangestellter Helfer, ein paar Saisonkräfte, Vater und Mutter. Größer ist das Weingut derzeit nicht. Bald hat auch Julias Bruder seine Winzerlehre beendet und kommt nach Hause. Julia soll aber weiterhin federführend im Weingut sein. Die junge Frau lächelt bei dieser Aussage. Eine Mischung zwischen Staunen und Stolz. So ganz kann sie es selbst noch nicht glauben, was sie hier innerhalb von ein paar Jahren alles auf die Beine gestellt hat, welche Qualitäten sie bereits jetzt erzeugt.

Während wir an einem Aussichtspunkt auf dem Zornheimer Berg stehen und uns die Haare vom Wind zerzausen lassen, schenkt Julia ihren Sekt aus. Pinot Blanc. 24 Monate auf der Hefe. Wie auch schon die Sylvaner stammt der Weißburgunder von der Einzellage Guldenmorgen. Erst gefällig, dann kräuterig, dann ein schöner Schmelz mit toll eingebundener Säure. Mein Schaumweinherz geht auf (eine ausführliche Genussnotiz findet ihr übrigens auf meinem Insta-Account)!

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Der Sekt macht uns beiden große Freude. ©Bottled Grapes

Julia Schittler. Ein Name, den man sich merken sollte!

Bescheiden nimmt Julia Schittler meine euphorischen Begeisterungsworte entgegen, stopft sich verlegen ihre rechte Hand noch etwas tiefer in die Hosentasche. Mit offensichtlichem Lob kann sie noch nicht so gut umgehen. Um sie nicht noch mehr in Verlegenheit zu bringen, beiße ich mir auf die Zunge und posaune nicht heraus, dass ich ihr eine interessante Zukunft prophezeie. Julia Schittler. Ein Name, den man sich merken sollte. Sie wird noch von sich reden machen. Davon bin ich fest überzeugt.

Und ihre Eltern? Die haben inzwischen auch gemerkt, dass der frische Wind zwar neu und ungewohnt, aber eben auch richtig ist. Neue Wege zu gehen, kann unbequem sein. Sie zu ebnen erfordert nicht nur Kraft, sondern auch eine gehörige Portion Mut. Beides hat Julia Schittler. Das wird auch von ihrem Vater anerkannt. Der hat letztens übrigens gesagt, dass sie mal wieder ein neues Holzfass für die Weißweine bräuchten. Na bitte. Geht doch!

Copyright Titelbild: © Bottled Grapes

*Dieser Artikel entstand mit Zustimmung von Julia Schittler, aber ohne deren Einfluss. Er spiegelt meine persönliche Meinung wider. Im Text gesetzte Links dienen allein nichtkommerziellen Servicezwecken.

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