Medikamente, Geschmack, Pixabay, Bottled Grapes, Gustatorik

Geschmackssinn und Medikamente: Und plötzlich ist der Wein ganz anders

Jeder von uns hat schon mal weniger oder gar nicht geschmeckt. Bei einer Erkältung zum Beispiel. Wenn die Nase verstopft ist, wird auch die Gustatorik beeinträchtigt. Aber was, wenn man einwandfrei riechen kann und trotzdem einen verfälschten Geschmack hat? Schuld daran können unter anderem Arzneimittel sein. Ein Erfahrungsbericht.

Um es gleich vorwegzunehmen: Alkohol und starke Medikamente miteinander zu kombinieren, ist echt keine gute Idee. So gar nicht. Selbst die kleinste Menge Alkohol kann die Wirkung von Arzneimitteln verstärken oder sogar eine Wechselwirkung eingehen. Mal ganz davon abgesehen, dass die Leber von den Medikamenten wahrlich schon genug strapaziert wird. Da muss man nicht noch Öl ins Feuer gießen. Also Pfoten weg von Wein und Co, wenn ihr gerade mal stärkere Medikamente schlucken müsst!

So schwer das dem ein oder anderen Genussmenschen auch fallen mag: der Wein würde wahrscheinlich eh nicht schmecken. Denn viele starke Arzneimittel können die Gustatorik auf unterschiedliche Art und Weise negativ beeinflussen. Vor nicht allzu langer Zeit habe ich das nach einem Bandscheibenvorfall und der leider dringend notwendigen Operation am eigenen Leib erfahren. Ich hatte nämlich wirklich starke Schmerzen – und habe dagegen ebenso wirklich starke Medikamente bekommen. Als es dann an den nächsten Weintest ging (spucken, nicht schlucken – für die Leber und so), geriet meine Weinwelt aus den Fugen. Alles schmeckte im Abgang bitter. Zur Kontrolle probierte ich einen mir sehr gut bekannten Wein, von dem ich wusste, dass er alles andere als bitter im Abgang ist. Aber auch hier: bitter, bitter, bitter. Also stellte ich das Glas zur Seite und fing an zu recherchieren.

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Manchmal ist es eine Frage der Zeit, bis man nach der Einnahme von Arzneimitteln verfälscht schmeckt ©Pixabay/blogmood_

Ein paar Grundlagen

Geruch und Geschmack hängen ja bekanntlich zusammen. Während wir Unmengen an Gerüchen wahrnehmen und abspeichern können, ist der Geschmack an sich eher begrenzt. Wir schmecken süß, salzig, sauer, bitter und umami. That’s it. Momentan jedenfalls. Es soll nämlich auch noch die Geschmacksrichtungen Fett und Calcium geben, aber daran arbeiten die Wissenschaftler derzeit noch. Da gibt es noch keine aussagekräftigen Studien.

Zusammen mit den Geruchseindrücken fügt sich der Geschmack als Information in unserer Großhirnrinde zu einem ganzheitlichen Eindruck. Wenn man zum Beispiel an den Geschmack einer Banane oder eines Granny Smiths denkt, kommt zuerst die Geruchserinnerung, die dann zu dem Geschmack führt. Und eh: eigene Erinnerungen und Erfahrungswerte spielen beim Geschmack eine ebenso große Rolle wie die Anzahl der Geschmacksknospen auf der Zunge, die tatsächlich von Mensch zu Mensch stark variieren können. Deswegen schmecken wir alle unterschiedlich und nehmen zum Beispiel Schärfe ganz individuell wahr. Mit dem Alter lassen Geruch- und Geschmackssinn langsam aber sicher nach. Auch bei trainierten Gaumen. Soviel zu den Fakten. Kommen wir nun zu den Medikamenten und warum sie unseren Geschmackssinn tatsächlich beeinflussen können, obwohl man einwandfrei riechen kann.

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Viele Pillen beeinflussen die Gustatorik ©Pixabay/guvo59

Trockener Mund und starker Eigengeschmack

Es gibt Arzneimittel, die die Speichelproduktion hemmen. Hier sind vor allem Antidepressiva und andere Psychopharmaka ganz weit vorne dabei. Durch zu wenig Speichel trocknet der Mund zu schnell aus. So banal das auch klingen mag, es hat einen erheblichen Einfluss auf das Geschmacksempfinden. Die Gustatorik wird hier sehr schnell verfälscht – egal, wieviel man trinkt. Einen zu trockenen Mund bekommt man übrigens auch schon von leichten Schlafmedikamenten.

Der Klassiker sind Medikamente, die selbst einen starken Eigengeschmack haben. Auch in diesem Fall muss man nicht gleich die große, schwere Krankheit haben. Denn das gilt bereits für Antibiotika, in denen Penicillin ist. Nimmt man die ein paar Tage, haben viele Patienten einen metallisch-bitteren Geschmack im Mund. Bei starken Schmerzmitteln ist es dann eben der bittere Abgang – so wie bei mir vor einiger Zeit. Ich habe mal testweise eine der Pillen für ein paar Sekunden auf der Zunge gelassen. Pfui Teufel! Sooooo bitter! Und den Geschmack habe ich selbst nach wiederholtem Zähneputzen nicht wegbekommen. Ganz furchtbar! Kein Wunder also, dass ich ständig einen bitteren Geschmack im Mund hatte.

Einmal das Gehirn austricksen, bitte

Und dann gibt es noch die Königsklasse an Geschmacksveränderern. Einige Wirkstoffe schalten nämlich die Schmerzwahrnehmung im Gehirn aus. Gerade nach heftigen Operationen oder auch bei Krebserkrankungen werden solche Medikamente, die dann übrigens allesamt zu der Gruppe der Opioide zählen, gegeben. Nun kann man einem Wirkstoff nicht auf die Synapse genau befehlen, wo er zu wirken hat. Deswegen machen diese Opioide zum Beispiel auch müde und verlangsamen oder beeinträchtigen die Wahrnehmung. Und eben den Geschmack. Ich hatte die Ehre, dank meiner sehr wild gewordenen Bandscheibe zwei Wochen lang dieses Teufelszeug nehmen zu dürfen. Das Ergebnis: ich konnte Früchte geschmacklich nicht mehr voneinander unterscheiden. Okay, eigentlich konnte ich gar keine Geschmacksnuancen mehr wahrnehmen. Echt erschreckend. Ich nenne Opioide halt nicht umsonst Teufelszeug. So sehr mir mein Medikament auch geholfen hat – ich war heilfroh, dass ich es nach so kurzer Zeit schon wieder absetzen konnte. Nicht nur wegen meines Geschmackssinns, sondern auch, weil das Zeug den Hang hat, einen abhängig zu machen.

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Nebenwirkungen, die den Geschmack betreffen, sind kaum erforscht ©Pixabay/katicaj

Gestörte Gustatorik als Nebenwirkung von Medikamenten

Den meisten Patienten fällt es übrigens gar nicht so doll auf, dass bestimmte Medikamente den Geschmackssinn beeinflussen. Logisch, man hat mit seiner Krankheit bzw. Genesung genug zu tun. Deswegen spricht man das beim Arzt auch meist nicht an – und dieser kann es dann wiederum nicht als Nebenwirkung an den Hersteller weitergeben. Aber genau das sind die Geschmacksveränderungen: eine Nebenwirkung. Und als solche ist Geschmacksbeeinträchtigung leider so gut wie nicht erforscht. Eben weil zu wenig Patienten es angeben oder aber Ärzte die Info für nicht wichtig erachten. Was ich auch irgendwie verstehen kann. Prozentual braucht nur ein geringer Bevölkerungsteil seinen Geschmackssinn auch im beruflichen Bereich. Da hat die Gustatorik einen anderen Stellenwert und wird dementsprechend als wichtig erachtet. Bei der breiten Masse ist das aber nicht der Fall. Deswegen gibt es eben auch keine aussagekräftigen Studien darüber, wie sich eine Geschmacksbeeinträchtigung auf dem Gesamtstatus eines Menschen auswirkt.

Wobei solche Studien auch nur für Menschen sinnvoll wären, die über lange, lange Zeit starke Medikamente nehmen müssen und die dementsprechend beeinträchtig sind. Wer nur für ein paar Tage oder Wochen auf solche Wirkstoffe angewiesen ist, muss sich keine Sorgen machen. Der unverfälschte Geschmack kommt nämlich wieder, sobald man die Medikamente abgesetzt und der Wirkstoff den Körper verlassen hat. Auch in diesem Fall spreche ich aus Erfahrung. Drei Tage, nachdem ich mein Schmerzmittel und mein Opiod absetzen durfte, konnte ich wieder ganz normal schmecken. Himmlisch gut! Das Beste war aber: ohne Medikamente musste ich den Wein auch nicht mehr ausspucken, sondern durfte ihn sogar schlucken. Natürlich nur in Maßen. Aber dieses erste Glas Wein nach überstandener Bandscheiben-OP werde ich nicht so schnell vergessen. 😉

Nachweis Titelfoto: ©Pixabay/qimono

*Bei diesem Text handelt es sich nicht um einen medizinischen Ratschlag. Solltet ihr Geschmacksstörungen oder sonstige körperliche Beschwerden haben, wendet euch bitte an den Arzt eures Vertrauens.

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