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Buchrezension: „Goldene Nase“ von René Gabriel

Wenn einer der bekanntesten Weinkritiker der Schweiz, der zugleich auch noch den Beinamen Bordeaux-Papst trägt und der vor einigen Jahren mit seinen universalen Weingläsern die Branche mächtig aufrüttelte und auch ein wenig revolutionierte, eine Art von Autobiografie herausbringt, dann gehört das Buch für mich ganz eindeutig zur Pflichtlektüre. Von wem die Rede ist? Na, von René Gabriel natürlich!

Zugegeben, eine reine Autobiografie ist „Goldene Nase“ nicht. Denn das Buch ist weder chronologisch aufgebaut noch thematisch geordnet. Es ist auch eher eine Textsammlung. Alles, was René Gabriel über die Jahrzehnte halt so durch den Kopf oder ans Herz ging. Selten bauen diese Textfragmente aufeinander auf. Einen roten Faden sucht man also vergeblich. Und ja, nicht jeder Text ist ein journalistisches Juwel. Von banalen Alltagssituationen über Wikipedia-Beiträge bis hin zu Witzen, die zwischen zotig und derb bis hin zu echten Kalauern changieren, findet man viel in diesem Buch, was auf den ersten Blick nicht unbedingt den Menschen hinter den Zeilen erkennen lässt.

Letztlich ist es aber genau diese Häufung an Alltagsbanalitäten und Weinerlebnissen, die dann doch den Menschen René Gabriel sichtbar macht. Wenn man denn Geduld hat und sich auf das Sammelsurium einlässt. Und wenn man auch mal über die eigentliche Buchseite hinausblickt. Dass Gabriel etwa sehr auf seiner semiprofessionellen Musikerkarriere in jungen Jahren herumreitet, ist für ein Buch, in dem man Wein, Wein und noch einmal Wein erwartet, eher nebensächlich. Aber es gehört halt eben auch zu ihm. Da kann man auch erst einmal peinlich berührt sein, wenn er von der Karaoke-Anlage im heimischen Keller schwärmt, die er zusammen mit seiner Frau gerne und rege nutzt – vor allem, wenn Besuch da ist. Mir jedenfalls ging es so. Aus einem Reflex heraus habe ich mich dann aber mal auf YouTube getummelt und tatsächlich ein paar Videos gefunden, die René Gabriel singend mit seiner Karaoke-Maschine zeigen. Meinen persönlichen Musikgeschmack trifft er da zwar so gar nicht, was aber nichts daran ändert, dass er tatsächlich ein guter Sänger ist. Noch eine Menschenfacette mehr, welche die Mühe gelohnt hat, nicht nur einfach Buchstaben zu konsumieren, sondern den Menschen dahinter entdecken zu wollen.

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René Gabriel und seine Nase

Klar, einige Details sind dann tatsächlich etwas überflüssig und hätten gerne privat bleiben können. Wie etwa ein Foto, das seinen morgendlichen Nasenauswurf zeigt. Womit wir zugleich aber auch bei der entscheidenden Strahlkraft des Buches wären. Denn neben seinem kunterbunt durcheinander gewürfelten Werdegang bis hin zum Chefeinkäufer für Mövenpick Wein, seinen Status als Bordeaux-Papst und der Erfindung des Gabriel-Glases, gewährt er einen tiefen Einblick in die große Schattenseite – und zeigt damit wahre Größe. Denn René Gabriel hat mit Polypen zu kämpfen.

Was sich harmlos anhört, war für ihn teilweise tatsächlich existenzbedrohend, da René Gabriel trotz Operationen oder hammerharter Cortison-Behandlung nur unzuverlässig bis gar nicht riechen konnte. Der Super-GAU für jeden Weinkritiker! So verwundert es nicht, dass eben diese Thematik immer wieder im Buch auftaucht – mal als Tagebuch über gut zwei Wochen, mal als Momentaufnahme vor und während diverser Weinveranstaltungen. An guten Tagen nimmt es René Gabriel mit stoischer Gelassenheit, wenn er mal wieder nichts riechen und dadurch auch nicht schmecken kann. Hin und wieder bringt ihn aber genau das auch hart an seine Leidens- und Frustrationsgrenze. Absolute Weinkennerschaft und wahrhaftes Expertenwissen ist das eine, aber wenn der Genuss dank des mangelnden Geschmacks fehlt, ist es René Gabriel nicht möglich, die Seele eines Weins zu erkennen. Was bei ihm enorm viel Leid erzeugt. Soviel Ehrlichkeit ist höchst beeindruckend zu lesen und macht auch viele der eher banaleren Passagen wett, die das Buch immer wieder durchziehen. Damit ist das Werk dann aber auch direkt aus dem Leben gegriffen. Schließlich kann nicht jeder Atemzug bedeutsam sein. Das weiß auch René Gabriel, der sich an vielen Stellen selbst nicht allzu ernst und vor allem wichtig nimmt und dadurch einen weiteren (und vor allem sympathischen) Charakterzug von sich zeigt.

René Gabriel: „Goldene Nase“, 352 Seiten, Werd & Weber Verlag AG, 2018.

Alle Fotos: ©Bottled Grapes

*Bei dem mir vorliegenden Buch handelt es sich um ein Rezensionsexemplar, der Text spiegelt ausschließlich meine persönliche Meinung wider.

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