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Buchrezension: „Wein und Krieg“ von Don und Petie Kladstrup

Bücher über Wein müssen nicht immer druckfrisch sein, um trotzdem noch aktuell sein zu können. Historischen Ereignissen etwa ist nur selten noch etwas hinzuzufügen, wenn sie erst einmal gründlich recherchiert sind. Bestes Beispiel ist da das Buch des Journalisten-Ehepaares Don und Petie Kladstrup, das sich in „Wein und Krieg“ mit der deutschen Besatzung Frankreichs auseinandersetzt.

Keine Ahnung, wie es euch geht, aber ich mache normalerweise einen doch etwas größeren Bogen um Geschichtsbücher. Der Inhalt interessiert mich meistens zwar brennend, aber oft wird eben jener gerne mal dröge kommuniziert. Eine Fußnote jagt die nächste, die Schachtelsätze wollen einfach nicht so recht in den Hirnwindungen hängen bleiben und irgendwann ist man von der Jahreszahlenflut einfach nur erschlagen. Ausnahmen bestätigen natürlich auch hier die Regel. Nämlich wenn Zeitzeugen ihre Geschichte über die Geschichte erzählen. Und noch spannender wird es, wenn Profis in Form von Journalisten nicht nur einen, sondern viele Zeitzeugen interviewen, um dann deren Geschichten zur Geschichte aufzuschreiben und so der unpersönlichen Geschichte einen höchst emotionalen Bezug zu verpassen.

Genau das haben die beiden Journalisten Don und Petie Kladstrup gemacht. Nicht geplant, sondern durch Zufall. Ein Buch über die Besatzung Frankreichs während des Zweiten Weltkriegs zu schreiben, kam ihnen nie in den Sinn. Ihr Spezialgebiet war ja eh der Wein. Nicht umsonst haben sie sich irgendwann in Frankreich niedergelassen. Und dann war da eben jener Winzer, jener alte, jener bekannte Winzer, der vom Journalistenpaar bei einer legendären Flasche, die man zusammen genoss, gefragt wurde, was so der beste Wein war, den er jemals in seinem Leben getrunken hat. Und der sich dann an seine Zeit im Straflager erinnerte, an die Entbehrungen, an das Heimweh, aber auch an das Weinfest, das er dort organisierte und an diesen Fingerhut voll Wein, den er trinken durfte. Es war ein gewöhnlicher Wein, nicht besonders gut, aber auch nicht wirklich schlecht. Es war der beste Wein, den er jemals getrunken hat. Die Umstände und so.

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Die Deutschen kommen!

Diese Geschichte ließ die Journalisten aufhorchen. Wie war das denn damals so im Zweiten Weltkrieg, als die Deutschen vier Jahre lang Frankreich besetzten und das Land plünderten? Wie haben die Winzer diese Zeit erlebt? Zunächst stießen sie auf Ablehnung und störrisches Schweigen. Vergangene Zeiten solle man ruhen lassen, hieß es. Doch dann kamen die ersten Erinnerungen, wie das damals so war im Bordeaux, im Elsass, der Champagne und im Burgund, wo viele Winzer ihre besten Tropfen schon in den Kellern einmauerten, bevor die Deutschen einmarschierten. In der Hoffnung, dass die Verstecke nicht gefunden werden. Ähnlich ging auch die Spitzengastronomie in Paris vor. Allein im La Tour d’Argent, das damals den besten Weinkeller des Landes hatte, wurden 40.000 Falschen hinter einer neuen Wand verborgen.

Jüdische Freunde wurden versteckt, der Ablauf auf dem Weingut den Frauen und Söhnen erklärt, bevor die Männer selbst in den Krieg ziehen mussten. Und dann kamen die Deutschen. Es wurde geplündert, was das Zeug hielt. Von Göring initiiert, von Hitler dann befohlen, schleppten die Nazis soviel Wein außer Landes, wie es nur ging. Einiges davon wanderte in Görings privaten Weinkeller, das meiste – nämlich über eine halbe Million Flaschen – in Hitlers Adlerhorst. Der größte Teil allerdings wurde gewinnbringend verkauft. Zu hungern, zu frieren, Entbehrungen aller Arten zu erdulden, das war für die Franzosen noch erträglich. Aber der Weinraub ging eindeutig zu weit! Mal ganz davon abgesehen, dass in Frankreich selbst der Wein plötzlich spärlich rationiert wurde. So wurden aus geduldig Besetzten kreative Wiederständler.

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Vive la Résitance!

Heimliches Epizentrum des Weinwiederstands war die Champagne. In den tiefen und verwinkelten Kellergewölben der einzelnen Champagnerhäuser ließ sich die Résistance nieder. Es waren auch die Champagnererzeuger, die als Erste billigstes Gesöff in edle Flaschen füllten, um sie dann den Deutschen unterzujubeln. Die anderen Regionen zogen kräftig nach. Züge, die abends mit vollen Weinfässern beladen wurden, fuhren morgens mit leerer Ladung los – der Wein selbst wurde über Nacht heimlich von Einwohnern geklaut. Mancher Zug kam auch nie am Bestimmungsort an, sondern wurde bewusst fehlgeleitet und geplündert.

Selbst in Paris war man kreativ: mit dem Staub einer Reinigungsfirma trimmte man Flaschen mit jungem, meist nicht sonderlich genießbarem Wein auf alt und jubelte sie den Nazis, die nun die einzigen Gäste in den Nobelrestaurants waren, als edle Tropfen unter. Und diese Banausen merkten es noch nicht mal! Dann kam das Ende des Kriegs und mit ihm die französischen Heimkehrer, die gebrochenen Kriegsgefangenen. Viele von ihnen Winzer, die ihre Kinder das erste Mal in deren Leben sahen und die verwilderte Rebflächen wieder auf Vordermann bringen mussten.

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„Wein und Krieg“: Immer nah am Menschen selbst

Von all diesen Begebenheiten, von den ganzen Einzelschicksalen, die sich immer wieder abwechseln, sich ergänzen und schließlich ein ebenso detailliertes wie lebendiges Bild Frankreichs während der deutschen Besatzung bilden, erzählt dieses Buch. Immer nah am Menschen selbst, manchmal etwas arg anekdotisch oder verklärt, aber eben immer authentisch. Nahbarer kann man Geschichte nicht vermitteln. Meiner Meinung nach. Denn in den Erinnerungen all der interviewten Winzer, deren Kinder und Enkel ist eben jene Geschichte noch immer höchst lebendig. Das hat „Wein und Krieg“ zu einem lesenswerten Buch für mich gemacht. Vielleicht seid ihr ja jetzt auch ein wenig neugierig darauf geworden. Ich kann euch die Lektüre jedenfalls nur ans Herz legen.

Don und Petie Kladstrup: „Wein und Krieg – Bordeaux, Champagner und die Schlacht um Frankreichs größten Reichtum“, 380 Seiten, Klett-Cotta.

Alle Fotos:  ©Bottled Grapes

*Diese Rezension wurde ohne Wissen des Verlags oder der Verfasser geschrieben, es handelt sich auch nicht um ein kostenfreies Rezensionsexemplar. Der Text wurde aus purem Eigeninteresse verfasst

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